Aktualisiert am 28.10.2026
PDF barrierefrei lesen: Werkzeuge und Strategien für den Umgang als Blinder
PDF-Dateien sind aus dem digitalen Alltag nicht mehr wegzudenken – ob für Rechnungen, Anleitungen oder offizielle Formulare. Doch wer eine PDF barrierefrei lesen möchte, stößt als blinder oder sehbehinderter Mensch oft auf große Hürden. Dieser Beitrag zeigt Ihnen, warum PDFs so herausfordernd sein können und welche konkreten Werkzeuge und Techniken Ihnen helfen, diese Hürden zu überwinden. Die Inhalte basieren auf unserer Smütech-Folge 78 PDF-Dateien meistern.
Das Wichtigste in Kürze
- Ob eine PDF gut lesbar ist, hängt von Tags, Überschriften, Alternativtexten und Tabellenstruktur ab.
- Zum Lesen ist der Microsoft-Edge-Browser die beste Wahl – mit Navigation über die H-Taste.
- Zum Ausfüllen von Formularen eignet sich der kostenlose Foxit PDF Reader.
- Gescannte PDFs ohne Text macht Microsoft Word durch Konvertierung lesbar.
Warum PDF für Blinde eine Herausforderung ist
Eine PDF-Datei ist im Grunde wie eine Webseite: Sie wird von Screenreadern wie JAWS und NVDA als virtuelles Dokument behandelt. Ob sie gut lesbar ist, hängt entscheidend davon ab, ob der Ersteller sie korrekt strukturiert hat. Wichtige Elemente für die Barrierefreiheit sind:
- Tags und Überschriften: Nur mit einer sauberen Gliederung durch Überschriften können Sie schnell durch das Dokument navigieren.
- Alternativtexte für Bilder: Grafiken und Logos müssen mit einem Alternativtext versehen sein, damit der Screenreader ihren Inhalt wiedergeben kann.
- Korrekte Tabellenstruktur: Inhalte wie Kontoauszüge sind oft in Tabellenform angeordnet. Fehlt die korrekte Auszeichnung, liest der Screenreader die Informationen nur als unstrukturierten Text vor, was die Zuordnung unmöglich macht.
Seit dem 28. Juni 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) Unternehmen, viele Produkte und Dienstleistungen wie Onlineshops oder Bankdienste barrierefrei anzubieten. Für Behörden gelten dagegen eigene Regeln: auf Bundesebene das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0), in den Ländern entsprechende Landesgesetze. Das bedeutet aber auch, dass wir als Nutzer die digitalen Kompetenzen besitzen müssen, um diese barrierefreien Angebote nutzen zu können.
Die Werkzeuge im Vergleich: Nicht jeder PDF-Reader ist geeignet
Die Tests in Folge 78 zeigen, dass die Wahl des richtigen Programms entscheidend für den Erfolg ist.
- Microsoft-Edge-Browser: Der in Windows integrierte Edge-Browser ist die mit Abstand beste Lösung für das Lesen von PDF-Dateien. Er behandelt PDFs wie Webseiten, ermöglicht das Springen über Überschriften (H-Taste) und stellt Links korrekt dar. Selbst komplexe Inhaltsverzeichnisse werden als aufklappbare Baumstruktur angezeigt, was die Navigation in langen Dokumenten enorm erleichtert.
- Adobe Acrobat Reader: Der einstige Marktführer und Erfinder des PDF-Formats ist in puncto Barrierefreiheit leider kaum noch zu gebrauchen. Selbst in sauber strukturierten Dokumenten erkennt er häufig keine Überschriften und macht die Navigation dadurch unnötig schwer.
- Foxit PDF Reader: Dieser kostenlose Reader (hier geht es zum Download) ist das Werkzeug der Wahl, wenn es um das Ausfüllen von PDF-Formularen geht. Während der Adobe Reader dabei oft komplett versagt, erkennt der Foxit Reader die Eingabefelder korrekt und ermöglicht das Ausfüllen und Speichern des Formulars.
So öffnen Sie eine PDF in Microsoft Edge
- Markieren Sie die PDF-Datei im Explorer.
- Öffnen Sie das Kontextmenü mit der Kontextmenü-Taste oder Umschalt + F10.
- Wählen Sie „Öffnen mit“ und dann „Microsoft Edge“.
- Springen Sie mit der H-Taste von Überschrift zu Überschrift.
- Nutzen Sie bei langen Dokumenten das Inhaltsverzeichnis, das Edge als aufklappbare Baumstruktur anzeigt.
Die Lösung für unzugängliche PDFs: Microsoft Word
Was tun, wenn eine PDF-Datei nur ein Scan ist und gar keinen Text enthält („nicht durchsuchbare PDF“)? Hier bietet Microsoft Word eine überraschend mächtige Funktion: Sie können PDFs direkt in Word öffnen. Word führt dann eine Texterkennung (OCR) durch und konvertiert das Dokument in eine bearbeitbare Word-Datei.
Der Vorteil: Word erkennt dabei oft Tabellenstrukturen, die für Screenreader sonst unsichtbar wären. So werden unleserliche Dokumente wie Kontoauszüge oder eingescannte Formulare plötzlich navigierbar und verständlich. Die Texterkennung von JAWS ist zwar oft präziser, aber die Strukturerkennung von Word ist in vielen Fällen überlegen.
So machen Sie eine gescannte PDF mit Word lesbar
- Starten Sie Microsoft Word.
- Öffnen Sie über „Datei“ und „Öffnen“ die gewünschte PDF-Datei.
- Bestätigen Sie den Hinweis, dass Word die PDF in ein bearbeitbares Dokument konvertiert.
- Lesen Sie das Ergebnis mit Ihrem Screenreader und navigieren Sie durch erkannte Tabellen.
- Speichern Sie das Dokument bei Bedarf als Word-Datei.
Für wen ist das?
Der Beitrag richtet sich an blinde und sehbehinderte Menschen, die mit JAWS oder NVDA unter Windows arbeiten und regelmäßig Rechnungen, Kontoauszüge, Anleitungen oder Formulare als PDF erhalten. Er hilft auch Angehörigen und Assistenzkräften, die bei der digitalen Post unterstützen, sowie allen, die sich angesichts des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes die nötigen digitalen Kompetenzen aneignen möchten.
Passend dazu auf Tipps & Infos
- Heizkostenabrechnung verstehen: Die Abrechnung als PDF zugänglich machen.
- ChatGPT vs Gemini: KI liest auch gescannte PDFs.
- Ordnung auf dem PC: PDFs und Downloads sinnvoll ablegen.
- Im Web sicher unterwegs: meine Audioanleitung zu Microsoft Edge.
FAQ – Häufige Fragen zu PDFs und Screenreadern
Was bedeutet PDF?
PDF steht für „Portable Document Format“, zu Deutsch „transportables Dokumentenformat“.
Kann ich als Blinder Kommentare in PDFs einfügen?
Leider ist das Einfügen von Kommentaren mit den gängigen Programmen und Screenreadern aktuell nicht barrierefrei möglich.
Meine Tastatur hat keine Kontextmenü-Taste. Was kann ich tun?
Die Tastenkombination Umschalt + F10 hat dieselbe Funktion wie die Kontextmenü-Taste und funktioniert systemweit.
Welches Programm eignet sich zum Ausfüllen von PDF-Formularen?
Der kostenlose Foxit PDF Reader erkennt die Eingabefelder korrekt und ermöglicht das Ausfüllen und Speichern des Formulars – dort, wo der Adobe Reader oft versagt.
Warum liest mein Screenreader bei manchen PDFs gar nichts vor?
Dann handelt es sich meist um einen Scan ohne Text, eine sogenannte nicht durchsuchbare PDF. Öffnen Sie die Datei in Word, damit eine Konvertierung mit Texterkennung erfolgt.
Fazit
Die Barrierefreiheit von PDF-Dateien hängt stark von deren Erstellung und dem verwendeten Anzeigeprogramm ab. Für das reine Lesen ist der Microsoft-Edge-Browser die beste Wahl. Für das Ausfüllen von Formularen ist der Foxit PDF Reader unerlässlich. Unzugängliche, gescannte PDFs lassen sich hervorragend mit der Konvertierungsfunktion von Microsoft Word lesbar machen. Mit den richtigen digitalen Kompetenzen und Werkzeugen verlieren PDFs ihren Schrecken und werden zu einem barrierearmen Teil Ihres Alltags.
Der Umgang mit verschiedenen PDF-Typen und den richtigen Werkzeugen erfordert Übung. Wenn Sie sicherstellen wollen, dass Sie für die Anforderungen des digitalen Alltags gewappnet sind, unterstütze ich Sie gerne. In meinen individuellen Schulungen zeige ich Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie jede PDF-Hürde meistern.
Hören, lernen, mitmachen
Alle Details hören Sie in der Smütech-Folge 78 PDF-Dateien meistern. Wie barrierefreie PDFs überhaupt entstehen, erklärt Manuela Gloor von der Umbruchbox in der Interview-Folge F4 Barrierefreie PDF-Dokumente erstellen.
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Ihr Joachim Schulze
